Appell des ZAVD zum 24. April und zur gegenwärtigen Lage

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Appell des ZAVD zum 24. April und zur gegenwärtigen Lage

In diesem Jahr fallen zwei wichtige Ereignisse in der assyrischen Geschichte auf denselben Tag: Ostern und der 96. Jahrestag des Seyfo (Assyrischer Genozid). Während der Seyfo zu den dunkelsten Kapiteln der Menschheitsgeschichte gehört, zählt Ostern zu den erfreulichsten Ereignissen. Dass die Jahrestage dieser beiden signifikanten Ereignisse auf demselben Tag fallen, nämlich auf den 24. April 2011, kommt sehr selten vor und zum ersten Mal seit dem Seyfo.

Als Christen werden wir die glorreiche Auferstehung unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus und seine Rettung der Menschheit feiern. Als Assyrer, werden wir aber auch am selben Tag unseren Vorfahren gedenken, die dem Genozid zum Opfer fielen und unserer Nation, die aus der Asche eines erbarmungslosen Genozides wieder aufgestiegen ist. Mit unserem Überleben betrachten und ehren wir, die Söhne und Töchter unseres antiken Volkes, den visionären Geist und das unsterbliche Erbe unserer Märtyrer.

Der 24. April, der Tag der Märtyrer, ist aber nicht nur ein Tag für den Geist der Vergangenheit. Er erinnert uns vor allem auch an die bis heute andauernde Morde und Unterdrückungen, die unser Volk in seiner Heimat erleidet. Besonders im Irak mussten unsere Brüder und Schwestern eine ethnische Säuberung erfahren; von den ursprünglich 1,5 Mio. Assyrer im Land sind auf Grund vereinzelter politisch und religiös motivierter Morde, der Massaker und dem Massenexodus nur noch schätzungsweise 0,7 Mio. geblieben. Nicht umsonst wurde hierfür der Begriff Schleichender Genozid von den Medien verwendet.

Wegen den Massenprotesten in Syrien droht nun auch dort eine erneute starke Anhebung der Gewalt gegen Assyrer und anderen Minderheiten. Die Ersetzung des Präsidenten Assad mit einem anderen Politiker könnte fatal enden, sowohl für die Minderheiten als auch für die Stabilisierung des Mittleren Ostens. Andererseits ist die gegenwärtige Lage mit Assad auch keineswegs zufriedenstellend; Menschenrechte werden nicht gerade großgeschrieben, besonders wenn es um Minderheiten und Regimekritikern geht, ebenso willkürliche Maßnahmen, wie beispielsweise die Sabotage des Akitu, das assyrische Neujahrsfest, und Osterfest letzten Jahres durch ein Auftrittsverbot für Habib Moussa. Dies entspricht keineswegs demokratischen Verhältnissen. Wir hoffen und wünschen, dass das syrische Volk zusammen mit den politisch Verantwortlichen des Landes die Situation meistern wird und die Demokratisierung des Landes vorantreibt, sodass alle religiöse, kulturelle und nationale Gruppierungen gemeinsam in Frieden leben können.

Auch in der Türkei steigt die bedrohliche Situation; der Staat ergaunerte in einem über Jahre hinausgeschobenen Scheinprozess 52 Hektar (73 Fußballfelder) Ländereien vom Kloster Mor Gabriel. Die Assyrer sind als Volk und als religiöse Gruppe gar nicht anerkannt. Da Kirchen keine juristischen Personen, geschweige denn Körperschaften des öffentlichen Rechts sind, können sie auch keine Immobilien als Geschenk annehmen oder erben. Neue Kirchen bauen dürfen sie auch nicht. Selbst das Mieten von Räumen ist ihnen verwehrt. Eine weitere erhebliche Benachteiligung ist das staatliche Verbot, Pfarrer und Religionslehrer auszubilden. Und vor allem auch in Zeiten wie diese, die Zeit vor den Wahlen, steigt wieder die Gewalt gegen die Minderheiten im Land weiter an.

All diese existenzbedrohlichen Situationen sind die Gründe dafür, warum wir heute aus unsere Heimat flüchten und hier im Exil leben mussten. Und wie wir sehen, hat sich die Situation für uns seit Jahrhunderten, mit dem Genozid 1915 als Gewalthöhepunkt im Osmanischen Reich, kaum verändert. Die Assyrer können in ihrer Heimat immer noch kein menschenwürdiges Leben führen, sie sind immer noch dazu gezwungen, in der Diaspora Zuflucht zu finden, wo ihre Jahrtausende von Jahre alte Kultur dem Assimilationsprozess ausgesetzt ist.

Als Kinder Gottes und unserer assyrischen Nation rufen wir unseren nicht-christlichen und christlichen Brüdern und Schwestern, wie die Armenier und Pontos-Griechen, die ebenfalls dem Genozid im Osmanischen Reich während des Ersten Weltkrieges zum Opfer fielen, dazu auf, am diesjährigen Ostertag unseren Gebeten für unseren gefallenen Vorfahren und für Gerechtigkeit und Frieden auf dieser Welt beizutreten.

Zentralverband der assyrischen Vereinigungen in Deutschland und europäische Sektionen (ZAVD)
Shlemon Yonan
1. Vorsitzender

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