Presseerklärung des ZAVD zum 24. April

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Presseerklärung des ZAVD zum 24. April

Man nahm ihnen nicht nur das Leben und die Heimat. Selbst ihren Namen ließ man ihnen nicht!
Die Assyrer gedenken am 24. April auf der ganzen Welt den Opfern des Völkermords (assyrisch: Seyfo – Das Schwert) von 1915. Vor 96 Jahren fasste die jungtürkische Partei İttihad ve Terakki („Komitee für Einheit und Fortschritt“) den Beschluss sich ihrer inneren Feinde, den Christen, zu entledigen.

Die im Jahre 1908 formierte Partei der Jungtürken, die sich bei ihrer Gründung auf die Prinzipien der Gleichheit, Freiheit, Gerechtigkeit und Brüderlichkeit berief, beraubte über 500.000 Assyrern, 1,5 Millionen Armeniern und hunderttausenden Pontus-Griechen ihres Lebens.

Zu den Gründen des Völkermords schreibt der Deutsche Oberlehrer Dr. Niepage 1916:
„Dem Jungtürken schwebt das europäische Ideal eines einheitlichen Nationalstaates vor. Die nicht-türkischen mohammedanischen Rassen, wie Kurden, Perser, Araber usw. hofft er auf dem Verwaltungswege und durch türkischen Schulunterricht unter Berufung auf das gemeinsame mohammedanische Interesse turkifizieren zu können. Die christlichen Nationen, Armenier, Syrer, Griechen, fürchtet er wegen ihrer kulturellen und
wirtschaftlichen Ueberlegenheit und sieht in ihrer Religion ein Hindernis, sie auf friedlichem Wege zu turkifizieren. Sie müssen daher ausgerottet oder zwangsweise islamisiert werden“.

So unerträglich die genannten Motive erscheinen mögen, viel schlimmer kommt den Nachfahren der christlichen Opfer die weitere Politik der Republik Türkei vor. Weder der von ihr ratifizierte Lausanner Vertrag von 1923, noch sonstige völkerrechtliche Verträge, die dem Schutz von Minderheiten und der Religionsfreiheit dienen, werden beachtet. Eines ist sicher:
Die heutige Türkei kann sich von den Verbrechen der Jungtürken in den Jahren 1914 bis 1923 nicht reinwaschen, weil sie die Politik der Vernichtung und Vertreibung fortgeführt hat. Bis heute begegnet sie den Assyrern, Armeniern und Pontus-Griechen feindselig und diskriminierend gegenüber. Durch Geschichtsverfälschung und Verleugnung werden aus Opfern Täter gemacht.

Unmittelbar nach der Republiksgründung ließ sie unter dem Deckmantel des Laizismus die Städte- und Dörfernamen ändern. Die „Nationalisierung“ der Ortsnamen begann 1920 und wurde in dem Zeitraum zwischen 1956 und 1978 vorangetrieben. Die meisten Änderungen wurden in der Schwarzmeerregion und Ost- und Südostanatolien durchgeführt. In der Schwarzmeerregion lebten vor dem Völkermord von 1915 vornehmlich Pontus-Griechen und Armenier, wobei die Siedlungen und Orte griechische und armenische Namen hatten. In Ost- und Südostanatolien, wo überwiegend Assyrer, Armenier und andere Volksgruppen
lebten, änderte man die Ortsnamen, da diese assyrischen, armenischen, kurdischen, persischen oder arabischen Ursprungs waren. Allein bis 1978 sind die Namen von insgesamt 28.000 Siedlungen und Dörfern geändert worden. Die türkische Tageszeitung Milliyet berichtete am 25. Mai 1986, dass zwischen November 1985 und dem Erscheinungsdatum der Ausgabe insgesamt 12.861 Ortschaften umbenannt wurden. Die Quote für Südostanatolien habe 80,65 Prozent betragen, während in der Region Ankara 13,39 Prozent der Ortschaften von einer Namensänderung betroffen gewesen seien.

Doch weder die Vernichtung und Vertreibung Unschuldiger, noch die Änderung der Städteund Dörfernamen, haben den Hass der türkischen Machtapparate gestillt. Vielmehr realisierten sie, den bereits am 16. August 1916 durch das Komitee für Einheit und Fortschritt verabschiedeten Beschluss, sämtliche christlichen Namen zu mohammedanisieren und aus den Registern auszulöschen. Durch das Gesetz Nr. 2525 zwang die Republik Türkei die Führung türkischer Familiennamen auf. Bereits der deutsche Missionar Dr. Johannes Lepsius schreibt in seinem Buch „Deutschland und Armenien – 1914- 1918“:

„Vom Schwarzen Meer bis nach Syrien ist der Christenname ausgelöscht, die Kirchen geschlossen, die Schulen entleert, die Priester und Prediger getötet oder verschickt. Von wenigen Lavantestädten abgesehen, ist ganz Anatolien islamisiert. Die christlichen Namen in den Registern ausgelöscht und durch mohammedanische ersetzt.“

Personen, die nach Einführung des Gesetzes Nr. 2525 türkische Familiennamen nicht wollten, wurden mit Geld- und Freiheitsstrafen gefügig gemacht. Die einzigen Gründe für diese „Reformen“, sind insbesondere das Verwischen und Vernichten der christlichen Kultur in der Türkei.

Während der Anteil der Christen in der Republik Türkei nach einer Statistik von 1909 bei etwa 30 % lag, beträgt er heute nicht einmal 0,015 %. Die Zahl der Assyrer wird auf etwa 20.000 bis 25.000 auf dem Gebiet der heutigen Türkei geschätzt, während sie vor 1915 etwa 1 Million betrug.

Die EU- Beitrittskandidatin Türkei, die nach Außen durch zahlreiche Gesetzesreformen den Anschein der Demokratisierung erweckt, unternimmt alles, um die letzten Assyrer aus ihrer Heimat zu vertreiben. So wurden dem Kloster Mor Gabriel in Scheinprozessen zuletzt im Februar 2011 etwa 52 Hektar Land weggenommen und dem türkischen Staat zugesprochen. Trotz aller Proteste europäischer Politiker, Kirchenvertreter und Menschenrechtsorganisationen gegen die willkürlichen Prozesse, bleibt der türkische Staat hart. Mit der Enteignung von Mor Gabriel sollen die restlichen verbliebenen Assyrer eingeschüchtert und zum Verlassen ihrer Heimat genötigt werden.

Im Hinblick auf diese Fakten haben wir als Zentralverband der Assyrer erhebliche Zweifel an der Ernsthaftigkeit des eingeleiteten Demokratisierungsprozesses in der Republik Türkei. Um ihre Glaubwürdigkeit herzustellen, appellieren wir an die Türkei, dem Kloster Mor Gabriel die enteigneten Grundstücke wieder zurück zu geben und die Politik der Vertreibung, Vernichtung und Verleugnung aufzugeben und den Völkermord von 1915 anzuerkennen. Darüber hinaus appellieren wir an die Europäische Union, den Vereinigten Staaten von Amerika und allen demokratischen Kräften ein sorgsames Auge auf die Politik der Republik Türkei zu werfen und sie bei der Gewährleistung von Minderheitenrechten zu unterstützen.

-Der Vorstand –

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