Interview mit dem 1. Vorsitzenden des Assyrischen Jugendverbandes Mitteleuropa

John Beth Afram 2

Interview mit dem 1. Vorsitzenden des Assyrischen Jugendverbandes Mitteleuropa

John Gültekin bekleidet nun seit Februar 2012 das Amt des 1. Vorsitzenden im Assyrischen Jugendverband Mitteleuropa e. V. (AJM).
Dies haben wir zum Anlaß genommen, um mit John ein Interview zu führen.Im gemeinsamen Gespräch, berichtet uns Gültekin von dem Jugendaustausch in den Nordirak, dem Zuwachs des AJM und hat ein paar Worte zu dessen 10-jährigen Jubiläum, das am 03. November 2012 in Augsburg gefeiert wird.

Hallo John, am 03. November 2012 findet in Augsburg, zum 10-jährigen Jubiläum des AJM, ein großes Event mit einem Volleyballturnier statt. Welche Gefühle begleiten dich zu diesem tollen Jubiläum?

Dazu begleiten mich viele verschiedene Gefühle. Zum einen empfinde ich große Freude darüber, dass ich mich vor einigen Jahren dazu entschlossen hab, mich beim AJM einzubringen. Zum anderen empfinde ich tiefen Respekt für alle AJM´ler, die 10 Jahre kontinuierliche und hervorragende Kinder- und Jugendarbeit möglich gemacht haben. Sie sind es, die mich besoders stolz machen. Und es wird mir eine große Ehre sein, ihre Arbeit weiterzuführen, zusammen mit den weiteren AJM Vorstandsmitgliedern, die alle einen großartigen Job machen und das Herz am rechten Fleck haben!
Ich bin mir sicher, dass wir alle gemeinsam ein tolles sowie stimmungsvolles Fest in Augsburg haben werden und laden hiermit jeden ein, der dieses Jubiläum mit uns feiern will.

Mit der Delegiertenversammlung im Februar diesen Jahres, sind drei neue Vereine dem AJM beigetreten. Auch wir freuen uns, dass unser Jugendverband wächst und heißen die neuen Mitgliedsvereine herzlich willkommen. Kannst du uns kurz darüber was berichten?

Seit Februar 2012 haben wir großen Zuwachs bekommen; die beiden Vereine Suryoye Ruhrgebiet e.V. und der Sport- & Kulturverein Suryoye Verl e.V. sowie die Jugendgruppe Sabro d´Ahikar, die hauptsächlich in Ostwestfalen ansässig ist, haben eine Mitgliedschaft beim Assyrischen Jugendverband Mitteleuropa (AJM) beantragt und diese auch bewilligt bekommen, da ihre Satzungen nicht die des AJM wiederspricht, was juristisch überprüft worden ist. Sie sind nun Teil des AJM, worauf wir sehr stolz sind. Der AJM hat dabei wieder einmal, zusammen mit seinen neuen Mitgliedern, ein Zeichen in die ganze Welt gesendet; nämlich wir gehören zusammen und zusammen sind wir stark! Für uns als AJM ist es selbstverständlich, Jugendvereine und Jugendgruppen aufzunehmen und zu fördern. Vorausgesetzt, sie haben gleiche Ziele und die gleiche liberale Gesinnung gegenüber alle Gruppierungen unseres Volkes wie wir.

Vielen Dank John. Vom 29. März bis zum 07. April 2012 veranstaltete der AJM einen Jugendaustausch in den Nordirak. Dabei reißte eine Delegation aus Deutschland, bestehend aus mehreren Personen, um an diesen Jugendaustausch teilzunehmen. Auch du warst dabei. Wie hast du diesen Jugendaustausch empfunden und wie lässt sich das ganze rückblickend analysieren?

Wir wollten uns ein Bild von der Situation der Assyrer im Nordirak (Assyrien) machen. Weiterhin war auch ein Austausch mit Jugendlichen von der Chaldoassyrian Student and Youth Union in Planung. Außerdem hatten wir Spendengelder (insgesamt 4000$) für die dortigen assyrischen Schulen gesammelt, die von der ersten Klasse bis zum Abitur alle Fächer auf unsere Muttersprache unterrichten. Diese Spenden konnten dort direkt übergeben werden.
Unsere Gruppe bestand aus 10 Personen: Thomas Hoffmann (Bundesgeschäftsführer der djo – Deutsche Jugend in Europa), Grigo Simsek (Vorstandsmitglied der djo), Sait Demir (Vorstandsmitglied des assyrischen Verbands ZAVD), Sanharib Simsek und ich (Vorstandsmitglieder des AJM) wie auch fünf weitere Jugendliche aus mehreren deutschen Städten. Wir sind zusammen mit dem Flugzeug geflogen und dort mit einem Kleinbus von Ort zu Ort gefahren. Dabei begleiteten uns Assyrer aus den USA, Kanada, Irak und Australien.
Vor unserem Besuch im Nordirak standen wir in Kontakt mit den Organisatoren von Destination Assyria in Nord-Amerika und Chaldoassyrian Student and Youth Union im Irak, um unseren Aufenthalt dort zu besprechen.

Anfangs hatten jeder natürlich Sorgen wegen der Sicherheit. Allen waren die vielen Berichte, über die Verfolgung der Assyrer und die Bombenanschläge auf ihre Gemeinden dort, bekannt. Aber am ersten Tag schon waren unsere Sorgen nicht mehr so groß. Wir kamen in einem relativ modernen Flughafen mit Sicherheitskontrollen in Arbil an. Auf unsere erste Fahrt durch Arbil war schon erkennbar, dass es eine wirtschaftlich boomende Stadt ist: Überall wurde viel gebaut und es gab moderne Läden. Dort herrschten fast südeuropäische Umstände. Doch das sah in ländlicheren Regionen, wie zum Beispiel in der assyrischen Stadt Baghdede, anders aus. Es gab viele Checkpoints, die wir durchfahren mussten. Wir wollten in die historische Stadt Nemrud, die in der Nähe von Baghdede ausgegraben wurde, aber die Einheimischen haben uns dringen davon abgeraten. Sie meinten, wenn wir dorthin fahren, dann haben wir nur eine 50%ige Chance, dass wir lebend wieder zurückkehren. Also haben wir uns dazu entschlossen, dort nicht hinzufahren.

Wir besuchten die Niederlassungen der Chaldoassyrian Student and Youth Union in Arbil und in Nuhadra (Dohuk), wo wir uns untereinander persönlich und organisatorisch ausgetauscht haben. Dort haben unsere beiden Jugendorganisationen ein Partnerschaftsabkommen zur Vertiefung unserer Kontakte unterschrieben, das Punkte zu gemeinsamen sozialen Projekten und zum Aufbau entwicklungspolitischer Kontakte für die assyrischen Regionen beinhaltet. Als erste Unterstützung für die Projekte der Chaldoassyrian Student and Youth Union, hinterließen wir ihnen ein Scheck von 1000$.

Desweitern hatte ein Besuch von zwei assyrischen Schulen stattegefunden, die sich  in Baghdede und in Zakho befinden. Dabei haben wir uns mit den Schülern, Lehrern und den Direktoren unterhalten.
In Nuhadra haben wir die Zentrale der humanitären Hilfsorganisation Assyrian Aid Society of Iraq besichtigt, wo wir mit dem Direktor der Organisation, Ashur Sargon Eskrya, über die humanitäre Lage der Assyrer und der assyrischen Schulen im Land gesprochen haben und die Spendengelder für die assyrischen Schulen in Form eines 4000$ Schecks übergeben hatten.

In mehreren verschiedenen Städten hatte es Treffen mit Bürger aber auch Politiker der ADM (Assyrian Democrativ Movement) stattgefunden, um sich über die Umstände der Assyrer in den jeweiligen Städten zu informieren. Die ADM ist die größte assyrische Partei im Irak, die ein Abgeordneten im irakischen Parlament hat.

Außerdem standen auch antike assyrische Stätten auf dem Plan, wie zum Beispiel Khennis, wo auf Felsen und Steinen Lamassu-Skulpturen, Keilschrifttexte und Bilder von assyrischen Königen zu sehen waren.

Aber auch assyrische Familien haben wir besucht, um mit ihnen über ihr Leben im Nordirak zu reden. Die Menschen dort reagierten sehr positiv auf unseren Besuch. Wir waren überwältigt von ihrem warmen Empfang und ihrer riesigen Gastfreundschaft. Sie waren auch sehr positiv überrascht, dass wir nicht da waren, um uns einfach nur die Gegenden dort anzugucken und an den Akitu Feierlichkeiten teilzunehmen, sondern mehr wegen unseres Interesse an ihnen und die Schritte, die wir unternehmen und weiterhin unternehmen möchten, um unseren Kontakt miteinander zu strärken, um mit ihnen längerfristig Hilfsprojekte durchzuführen.

Einige von uns fanden es toll, erkannt zu haben, dass wir dieselbe Art haben. Viele kamen das erste Mal mit dem assyrischen Ostdialekt so richtig live in Berührung und waren erstaunt, wie viel sie davon verstehen konnten. Und genau so waren die Einheimischen erstaunt darüber, wie viel sie vom westassyrischen Dialekt verstehen konnten. Es war schön zu sehen, wie gut wir miteinander auskamen und wie viele Gemeinsamkeiten wir haben. Obwohl wir uns vorher nie gesehen hatten, war es trotzdem so, als ob wir uns schon immer kannten. Es war für beide Seiten eine unbeschreiblich schöne Erfahrung!

Die Assyrer erfahren dort relativ viele kulturelle Freiheiten, doch politisch und sozial werden sie marginalisiert. Der wirtschaftliche Aufschwung geht an den assyrischen Regionen vorbei.

Die Menschen dort schenken der Namensdiskussion in unserem Volk kein großes Gewicht. Sie legen ihren Fokus auf die Sicherheit und das Wohlergehen unseres Volkes. Wir haben viele Menschen getroffen, die oft die Gelegenheit hatten, das Land zu verlassen und in den Westen zu fliehen. Aber sie haben es nicht getan. Sie verlassen ihre assyrischen Urgebiete nicht und leben zu tausenden in ihren Städten, wo selbst die Polizei aus Assyrern besteht. Sie sind geblieben und sie setzen sich dort mit Herzblut für unsere Rechte ein. Sie sehen unsere Zukunft ganz klar auch weiterhin in unserem Heimatland und setzen dafür Zeichen, indem sie assyrische Schulen aufbauen und nun auch eine assyrische Universität, ein Krankenhaus und eine von den Minderheiten eigens verwaltete Selbstbestimmungszone in der Ninive Ebene gründen möchten. Besonders haben wir gelernt, dass es Hoffnung und Zukunft für unser Volk in seiner angestammten Heimat gibt.

Abschließend kann ich nur sagen, dass wir definitiv wieder dorthin zurückkehren werden und möchten von nun an möglichst jedes Jahr einen solchen Besuch in den Nordirak durchführen.

Quelle: Bethnahrin.de

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