Zwischenbericht der AJM-Hospitantin Silvia Kulan aus dem Irak

Akkad Schule Alle Wollen Mit Mir Ein Bild Haben

Zwischenbericht der AJM-Hospitantin Silvia Kulan aus dem Irak

Seit meinem letzten Zwischenbericht ist viel passiert, sowohl bei der Arbeit als auch in meiner persönlichen Entwicklung. Im Laufe des folgenden Berichts möchte ich genauer auf meine Erlebnisse der letzten Monate eingehen.

Seit meinem letzten Zwischenbericht ist viel passiert, sowohl bei der Arbeit als auch in meiner persönlichen Entwicklung. Im Laufe des folgenden Berichts möchte ich genauer auf meine Erlebnisse der letzten Monate eingehen.

Meine Arbeit beim Khoyada

Meine Arbeit beim Khoyada sieht sehr unterschiedlich aus.
Es gibt verschiedene Besprechungen, an  denen ich teilnehme. Wir besuchen Beerdigungen oder andere Anlässe und helfen dort beim Kochen, beim Decken der Tische, Aufräumen und alles, wofür man unsere Hilfe benötigt. An Weihnachten und Silvester verkleideten sich einige Mitglieder als Weihnachtsmänner – hier nennt man ihn „Baba Noel“ – und besuchten Kindergärten, Schulen und/oder Familien in verschiedenen assyrischen Dörfern und Städten, um den kleinen Kindern eine Freude zu machen.

Fachkräfteaustausch Deutschland – Irak (26.10.2013 bis 5.11.2013)

Zunächst war ich dafür zuständig, Hilfestellung beim Erstellen der Lebensläufe und sonstigen wichtigen Dokumenten zu leisten, die für die Bewerbung um ein Visum in Deutschland notwendig sind, um den Fachkräfteaustausch in Deutschland zwischen dem AJM und Khoyada zu ermöglichen. Dabei fiel mir vor allem auf, wie viel Arbeit hinter einem solchen Austausch steckt. Beispielsweise kennt kaum jemand im Irak seine Anschrift. Zum Teil existiert diese gar nicht, weil es weder Straßennamen noch Postleitzahlen oder Hausnummern gibt. Auch wichtige Dokumente, wie etwa der Ausweis, sind nur auf Arabisch verfasst, sodass sie erst von einem zuständigen Amt ins Englische übersetzt werden müssen.
Was also für uns selbstverständlich scheint, ist in diesem Land etwas völlig Fremdes, so als würden zwei Welten aufeinanderprallen.

Die Delegiertenversammlung (4.12.2013-7.12.2013)

Hospitationsprogramm Irak Im Khoyada sind die Wahlen der Delegierten für die Delegiertenversammlung vorbei. Bei diesen Wahlen war ich meistens Wahlhelferin. Die Vorbereitungen für die große Lomada (Delegiertenversammlung) liefen einige Wochen lang auf Hochtouren. Es gab mehrere Sitzungen, in denen die Räumlichkeiten, das Logo, das Essen, der Zeitplan, das Programm und die Einladungen besprochen wurden. Für den ersten Tag planten wir eine Eröffnungsfeier, zu der mehrere Vertreter aus dem kirchlichen, dem politischen und gesellschaftlichen Bereich, überwiegend aus Jugendorganisationen, eingeladen wurden, sowohl aus dem Inland als auch aus dem Ausland. Vor der Eröffnungsfeier waren wir schwer beschäftigt. Wir schrieben Einladungen und verteilten diese dann persönlich. Wir erstellten eine Reportage über die Arbeit der letzten zwei Jahre des Khoyada, bastelten die Namensschilder aller Teilnehmer, organisierten das Programm (Theater, Kinder-Tanz-Gruppe) und vieles mehr. Die Eröffnungsfeier war gut besucht. Besonders schön war ein Tanzauftritt kleiner Kinder, bei dem es um den Erhalt unserer Muttersprache ging. Alle im Saal waren davon berührt. Die Delegiertenversammlung war etwas Neues für mich. Es war ungewohnt für mich, dass für solche Wahlen ein derartig großer Aufwand betrieben wurde. Es waren z.B. Kameramänner da, die alles mitfilmten und mehrere Fotografen, die alles auf Bildern festhielten. Abgesehen davon war sie mit circa 150 anwesenden Personen sehr groß. Auch war es ungewohnt, dass die Delegiertenversammlung zwei ganze Tage dauerte.
Als die Wahlen an sich losgingen, hatte ich die Möglichkeit zu helfen, indem ich die abgegebenen Stimmen zählte.

Besuch der Schule Akkad

Sie erfüllt einen mit Stolz. Hier wird jedes Fach auf Assyrisch gelehrt. Jedes Schulbuch ist in assyrischer Schrift geschrieben, selbst die Beschriftung der Räume ist auf Assyrisch.
In der Schule lerne ich das Schreiben und Lesen in unserer Sprache. Aber ich lerne auch neue Begriffe, die ich entweder noch nicht kannte oder die – ohne dass es mir bewusst war – aus dem Arabischen, Kurdischen oder Türkischen stammen. Meine Muttersprache in der Heimat, und dann auch noch in einer assyrischen Schule, zu erlernen ist ein unglaubliches Gefühl und ich bin so dankbar für dieses wundervolle Geschenk. Allein das Betreten der Schule überwältigt mich immer wieder.
Die kleinen Kinder gehen sehr gerne zur Schule. „Ich liebe die Schule“ antwortet die Mehrheit, wenn man sie fragt, wie sie die Schule finden.
Ich durfte auch in der Zeit dabei sein, als die Schüler ihre Prüfungen hatten, um mir ein Bild davon zu machen. Mittlerweile kann ich schon ein wenig lesen, etwa so viel wie die jungen Mädchen.

Assyrian Aid Society

Da Khoyada u.a. mit „Assyrian Aid Society“ kooperiert, habe ich mich dort über die aktuelle Lage der assyrischchristlichen Flüchtlinge aus Syrien informiert. In den verschiedensten assyrischen Städten und Dörfern leben die Flüchtlinge. Sie leben kostenfrei in Häusern, die ihnen die Assyrer aus dem Irak überlassen haben, bekommen eine Arbeitsstelle und ihre Kinder gehen zur Schule. Sie bekommen einmal im Monat ein Hilfspaket von Assyrian Aid Society, welches aus dem Ausland kommt. Ich war einige Male dabei, wenn wir diese Hilfspakete verteilt haben. Ich versuchte immer mit den Flüchtlingen ins Gespräch zu kommen und durfte immer wieder mitfühlen, wie es ihnen ging. Viele von ihnen sind sehr traumatisiert, sie haben viel Schlimmes durchgemacht und mit ansehen müssen. Die meisten haben keine Hoffnung mehr. Die meisten wollen auch nicht im Irak bleiben, sondern nach Europa weiterreisen, um ihre Sehnsucht nach Ruhe und Frieden zu stillen. Am meisten berührt haben mich die Gesichter der kleinen Kinder.
Des Weiteren habe ich mir ein Bild über die Lage der Studenten gemacht, die die Assyrian Aid Society in ihren Wohnheimen beherbergt. Sie geben circa 115 Studenten eine kostenlose Wohnmöglichkeit, möblierte Zimmer, eine Küche usw. Das hilft vor allem den Studenten, die aus ärmeren Verhältnissen kommen, oder denen, die aus den abgelegenen, weitentfernten Dörfern kommen und keine andere Möglichkeit haben. Wenn sie z.B. krank sind, gibt es jemanden, der für sie zuständig ist und sie dann zum Arzt oder Krankenhaus bringt. Des weiteren war ich dabei, als wir Schulmaterial an verschiedenen assyrischen Schulen verteilt haben.

Familie, Freunde, assyrische Dörfer

Für mich ist es sehr wichtig auch das alltägliche Leben hier mitzubekommen und kennenzulernen.
Ich kann sehr dankbar sein für die Familie, bei der ich lebe, denn ich bin ein Teil von ihnen geworden und sie sind stets darum bemüht, dass ich mich wohlfühle und es mir gut geht. Ich brauche mich nicht zu verstellen und deswegen fühle ich mich dort wohl. Ich werde überall hin mitgenommen, auf Hochzeiten, Verlobungen und andere Familienfeiern. Auch habe ich durch meine Gastfamilie und durch Khoyada viele Freundschaften geschlossen, die sehr wertvoll für mich geworden sind.
Die meisten von ihnen sind sehr mutige Kämpfer, die trotz aller Umstände und einer schlimmen Vergangenheit dem Leben mit Dankbarkeit entgegentreten. Nichtsdestotrotz  sind viele von ihnen von all dem Leid in diesem Land und den ganzen Kriegen geprägt.
Natürlich gibt es auch viele, die ihren Mut verloren haben und das Leben einfach so hinnehmen, wie es ist. Oft wünsche ich mir, ich könnte ihnen neuen Lebensmut schenken.
Meine Gastfamilie, meine Freunde, sie alle sind mit mir in verschiedene assyrische Dörfer und Städte gefahren, damit ich so viel wie möglich sehe. Ich war in Araden (assyrisch: Ara d’Eden, deutsch: Boden Edens), wo ich die Sultan-Makhdokht-Kirche sehen konnte, über die es viele Wundergeschichten zu hören gibt. Ich war in Diralog, einem wunderschönen Ort, an dem wir gemeinsam mit einigen Jugendlichen aus dem dortigen Khoyada Fisch gegessen haben, direkt am Fluss, dessen hellblaues Wasser seine Quellen in den Bergen findet.
Während meine Gastschwester, die auch gleichzeitig für mich zuständig ist, am Fachkräfteaustausch in Deutschland teilnahm, brachten mich ihre Eltern und ihr Onkel von Dorf zu Dorf, wo ich das alltägliche Leben der Menschen kennenlernen konnte. Wir fuhren in das Dorf Dihe, wo wir frischen Fisch aus dem Tenoura (Feuer-Stein-Ofen) aßen und Feigen und Granatäpfel ernteten. Es ging weiter in die Dörfer in Barwar. Hier besuchten wir die Kirche „Mar Moushe“, die die Bewohner des Dorfes „Shelik“ mit ihren Händen erbauten. Von dort aus hat man eine atemberaubende Aussicht, von der aus man die umliegende Landschaft bewundern kann.
Es ging weiter in andere Dörfer, wo ich Kirchen und andere Besonderheiten zu sehen bekam. Immer wieder überwältigend waren die Berge und die Landschaften.
In Dihe waren wir auch einmal bei der Olivenernte dabei, wo wir zusammen mit der Familie einen ganzen Tag lang Oliven geerntet haben. Das Wetter war wunderschön, wir hatten Aussicht auf das ganze Dorf und allein das Gefühl der Gemeinschaft hat wirklich sehr viel Freude bereitet.
Es ist immer wieder ein überwältigendes Erlebnis, wenn man in Dörfern ist, in denen nur Assyrer leben und man nichts als seine Sprache hört. Hier im Irak ist es auch ein ganz anderes Gefühl, wenn man ein Kreuz oder eine Kirche sieht. Mir persönlich bedeutet das sehr viel. Deswegen gehört Alqosh auch zu meinen Lieblingsorten. Dort leben nur Assyrer. Ich kann mich frei bewegen und ich weiß, dass ich sicher bin. Es ist immer wieder überwältigend dort zu sein! Von der Ferne sieht man auf dem Berg das große 12 Meter hohe Kreuz, welches dort in den Bergen erbaut wurde. Es leuchtet nachts rot, sodass man es auch außerhalb von Alqosh sehen kann.
Hospitationsprogramm Irak Unvergesslich war für mich auch der Besuch des Ortes „Khannas“ in der Ninive-Ebene, den König Sanharib I. um etwa 704 v. Chr. in einem Zeitraum von einem Jahr und drei Monaten bauen ließ. Lesen kann man das in einer Keilschrift, die dort zu finden ist. An diesem Ort ist viel Uraltes, Assyrisches zu sehen. Es ist eine Art Ferienort für den König gewesen. Er erbaute dort auch einen Staudamm und ein Bewässerungssystem, welches bis nach Ninive führt (80km).
Zu sehen gibt es dort auch z.B. seinen Thron und einen Lamassu.
Auch der Besuch des Dorfes Simele (assyrisch: „ShimEl“, deutsch: „Name Gottes“) war sehr bedeutsam für mich. Dort erinnerte ich mich an all die Geschichten, die ich gehört habe über den Völkermord im Jahre 1933. Als wir auf dem Hügel waren, auf dem die meisten Assyrer ermordet wurden, überkam mich ein tiefer Schmerz und ich bekam Gänsehaut. Unglaublich!

Das Leid meines Volkes

Das Leben hier ist nicht einfach. Die Menschen, die ich hier kennenlernen durfte, machen das Beste aus dem, was sie haben. Trotzdem sollte man nicht verschweigen, was hier alles passiert.
Zwei Wochen vor Weihnachten erlitt jemand aus meiner Gastfamilie den Verlust eines jungen Onkels durch Islamisten in Bagdad. Er war gerade einmal 30 Jahre alt, hinterlässt zwei Kleinkinder und eine schwangere Ehefrau. Das Leid auf der Trauerfeier war groß, ich werde das Weinen und das Geschrei der Mütter, Schwestern und Tanten nie vergessen…

An Silvester hatten wir ein sehr schönes Familienfest, an dem wir vor allem den Kleinen mit Tänzen und Spielen Freude bereitet haben. Doch auch hier flossen Tränen. Tränen von Eltern, dessen Sohn vor Jahren entführt wurde. Von Ehefrauen, deren Männer durch Islamisten aus ihrem Leben gerissen wurden. Von kleinen Kindern, die ihre Väter vermissen. Von Schwestern, die bis heute auf das Zurückkehren ihres Bruders hoffen …

All diese Dinge, die Geschichten der Menschen, ihre Gesichter, ihre traurigen Augen… Ich werde sie niemals vergessen. Und ich wünsche mir, dass wir begreifen, was für ein gesegnetes Leben wir in Deutschland haben. Ich hoffe, wir lernen von diesen mutigen und starken Menschen.

Es gab auch Menschen, die mich enttäuscht haben in dieser Zeit und je mehr es wurden, desto mehr erfreute ich mich an denen, die mir das Gegenteil gezeigt haben und desto mehr habe ich diese Enttäuschungen vergessen können. Es war nicht immer einfach, vor allem auch, weil meine Familie mir sehr fehlte und ich oft den Wunsch hatte, einfach nur zu Hause zu sein.
Doch all dies hat mich nur stärker gemacht.

Ich bin dankbar für meine Zeit hier, ich bin gereift, durfte vieles lernen, was meinen Horizont erweitert hat, und auch mich selbst neu kennenlernen.

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