„Offener Brief“ an alle Abgeordneten / Jugendparlamentstag „Ziemlich beste Heimat?!“

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„Offener Brief“ an alle Abgeordneten / Jugendparlamentstag „Ziemlich beste Heimat?!“

Aus den Ergebnissen der Workshops beim Jugendparlamentstag vom 27.11.2015 wurde ein „Offenen Brief“ zum Thema „Ziemlich beste Heimat?!“ an alle Abgeordneten des Bayerischen Landtags verfasst.

Teilnehmer/innen des Jugendparlamentstags „Ziemlich beste Heimat!?“
c/o BayernSPD Landtagsfraktion/Kennwort Jugendparlamentstag),
Maximilianeum 81627 München

an alle Abgeordneten des Bayerischen Landtags im Hause

 

München, den 14. Dezember 2015

OFFENER BRIEF
der 130 Teilnehmer/innen des Jugendparlamentstags
„Ziemlich beste Heimat!?“ am 27. November 2015 im Bayerischen Landtag
an alle Abgeordneten des Bayerischen Landtags

Sehr geehrte Mitglieder des Bayerischen Landtags,
sehr geehrte(r) Frau/Herr ….

unter dem Arbeitstitel „Ziemlich beste Heimat!?“ haben wir – rund 130 Jugendliche – am 27. November 2015 im Rahmen einer Parlamentssimulation diskutiert, inwieweit Herkunft und Migrationsgeschichte in Schule und Ausbildung eine Rolle spielen. Die Veranstaltung fand auf Einladung der SPD-Fraktion im Bayerischen Landtag statt. Wir Jugendlichen, egal ob mit oder ohne Migrationsgeschichte, wollen uns in die Gesellschaft einbringen, wollen aktiv sein und fordern echte Teilhabe. Wir machen uns tagtäglich Gedanken darüber, was es heißt „dazuzugehören“. In Workshops haben wir daher Probleme und Herausforderungen in dieser Frage diskutiert sowie Lösungen und Forderungen erarbeitet, die wir im Anschluss im Plenum präsentiert haben.

Während des Tages stellten wir fest, dass es nach wie vor einen großen Handlungsbedarf gibt, damit sich Jugendliche mit Migrationsgeschichte und Fluchterfahrung wirklich dazugehörig und heimisch in Deutschland fühlen können. Gerade von uns jungen Menschen können wertvolle Impulse und Veränderungen für eine gerechtere, offenere und vorurteilsfreiere Gesellschaft ausgehen, wenn man uns die Freiräume und Möglichkeiten dafür einräumt. Zugleich können Sie, verehrte Abgeordnete, Ihren Teil dazu beitragen, in neuen Denkansätzen flexibel auf die Anforderungen in unserer Gesellschaft zu reagieren und althergebrachte Strukturen zu verändern!

Als Ergebnis unserer Arbeit haben wir drei Themenfelder ausgemacht, in denen wir dringenden Handlungsbedarf sehen. Drei Bereiche, in denen Sie, sehr geehrte Abgeordnete, aktiv werden können, um Bayern für uns zur „wirklich besten Heimat“ zu machen: Die Gestaltung des Bildungssystems, den Ausbau und die Förderung von ehrenamtlichem Engagement und gesellschaftlicher Teilhabe von allen Menschen mit Migrationsgeschichte und Fluchterfahrung und den Abbau von Rassismen und anderen Formen der Diskriminierung.

Zur Gestaltung des Schulsystems:

  • Die Selektion im bayerischen Schulsystem erfolgt in der vierten Klasse zu früh. Vielen Kindern, die sich erst noch entwickeln, werden damit Chancen verbaut. Wir wünschen uns deshalb einen späteren Übergang an weiterführende Schulen, damit Kinder und Jugendliche länger gemeinsam lernen.
  • Kinder lernen am besten von Kindern! Die Durchmischung von Migrantinnen und Migranten und Deutschen in den Schulen sollte bereits in den Grundschulen erfolgen um Milieubildung zu verhindern.
  • Wir weisen auf den dringenden Abbau von Sprachbarrieren zwischen Lehrern und Eltern von Kindern und Jugendlichen mit Migrationsgeschichte hin. Nötig sind zum Beispiel die Übersetzung von Elternbriefen und Elternabenden sowie mehr sprachliche Unterstützung für Kinder, die deutsch nicht als Muttersprache sprechen.
  • Die Schaffung eines positiveren Lernklimas ist äußerst bedeutend. Wir fordern den Ausbau von Fortbildungsangeboten für Lehrerinnen und Lehrer, die Bildung kleinerer Klassen und damit einhergehend die Anstellung von mehr Lehrerinnen und Lehrern und sonstigen Pädagoginnen und Pädagogen.
  • Wir wünschen uns die Anpassung der Lehrpläne an heutige Gegebenheiten. Zum Beispiel fordern wir die grundlegende Reformierung des Religionsunterrichts bzw. die Aufwertung des Fachs Ethik durch einen gemeinsamen Religions-/Ethikunterricht unabhängig von der Konfession sowie die frühere Einführung und Aufstockung der Stundenzahl in sozialwissenschaftlichen Fächern, um intensiver das aktuelle Weltgeschehen diskutieren zu können.
  • Wir fordern eine schnellere und flexiblere Anerkennung von Schul- und Berufsabschlüssen sowie flexiblere Ausbildungsprogramme, um Menschen mit
    Migrationsgeschichte schnelleren Zugang zum Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Außerdem sollten Bewerbungsverfahren generell anonymisiert ablaufen.

Zum Ausbau und der Förderung von ehrenamtlichem Engagement und gesellschaftlicher
Teilhabe:

  • Wir wünschen uns schulische Entlastung und größere Freiräume, damit wir ehrenamtlichem Engagement nachgehen können.
  • Wir fordern den Einbau von sozialem Ehrenamt im Lehrplan, zum Beispiel in PSeminaren an Gymnasien, sowie die Förderung und den Ausbau von sozialen Projekten in- und außerhalb der Schulen.
  • Wir fordern Informationsportale mit einer Übersicht über soziale Einrichtungen, bei denen Jugendliche sich sozial engagieren können sowie die Erleichterung der Mitarbeit in diesen Einrichtungen, zum Beispiel durch schulische Anrechnung und Anerkennung.
  • Wir wollen das allgemeine direkte Wahlrecht ab dem 16. Lebensjahr für alle, die eine gewisse Zeit hier leben, um politisch Teilhabe zu ermöglichen. Dieses
    Wahlrecht sollte von der Staatsbürgerschaft entkoppelt sein.

Zum Abbau von Rassismen und anderen Formen der Diskriminierung:

  • Wir wünschen uns mehr Aufklärungsangebote von Seiten der Kommunen, zum Beispiel in Form von Bürgerversammlungen, um Vorurteile und Unwissenheit abzubauen. Um den Dialog zwischen Einheimischen und Menschen mit Fluchterfahrung zu intensivieren, könnte es zum Beispiel eine Form von „Speed Dating“ geben.
  • Wir wollen eine bessere Förderung und Ausstattung von Jugendverbänden, weg von der Projektförderung, hin zu institutionalisierter Förderung, damit sich diese Verbände längerfristig um die Verständigungen zwischen Jugendlichen mit verschiedenen Hintergründen kümmern können.
  • Wir fordern den Erhalt, die Schaffung und den Ausbau von Begegnungsstätten für Menschen verschiedener Kulturen.
  • Zum Abbau von Rassismus und zur Förderung von Courage fordern wir die Einführung von Schulungen und Workshops zu diesem Thema in und außerhalb von Bildungseinrichtungen.
  • Wir fordern Politiker auf, öfters in Asylbewerberunterkünften zu „hospitieren“ und auf ihre Wortwahl und ihre Formulierungen zu achten. Zum Beispiel sollten sie „Menschen mit Fluchterfahrung“, statt „Flüchtling“ sagen, oder den sogenannten „Islamischen Staat“ anders benennen.
  • Wir würden die Abbildung der vielfältigen gesellschaftlichen Realität in öffentlichen Einrichtungen und Gremien in Medien, Politik und Behörden
    begrüßen.

Sollte es Ihnen gelingen, einige dieser wichtigen Forderungen umzusetzen, würden Sie in großem Maße dazu beitragen, dass alle Menschen sich in Bayern zu Hause fühlen können. Wir wissen, dass zur Zeit schon viel getan wird, um Menschen mit Fluchterfahrung gut zu behandeln. Dazu gehört die Beschleunigung der Asylverfahren, die wir für selbstverständlich halten. Aber ganz egal, welche Art von Migrationsgeschichte Jugendliche haben, ob mit oder ohne Fluchterfahrung, es gibt vieles, was getan werden kann, um Bayern für sie von der „ziemlich besten Heimat“ zur „wirklich besten Heimat“ zu machen.

Helfen Sie uns dabei!

Mit freundlichen Grüßen

die Teilnehmer/innen des Jugendparlamentstages im Bayerischen Landtag

(von der Thusneldaschule in Nürnberg, „La Silhouette“ in München, der jungen Arbeit der Diakonie Hasenbergl in München, dem Gymnasium Hohenschwangau, dem Ruperti Gymnasium Mühldorf, der Wohngemeinschaft für Flüchtlingskinder e.V. in Nürnberg, dem Bildungszentrum für Pflege, Gesundheit und Soziales (GGSG) in Nürnberg, dem Albert-Einstein-Gymnasium München, der SchlaU Schule München, der IG Initiativgruppe München, dem Bayerischen Jugendring München, dem DITIB Jugendverband Südbayern, der Islamischen Jugend Bayern, der Alevitischen Jugend Bayern, dem Assyrischen
Jugendverband in München und der djo-Deutsche Jugend in Europa)

Offener Brief Jugendparlament als PDF

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