GISHRU TRIP 2016

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GISHRU TRIP 2016

‚Gishru‘ (zu dt. ‚Brücke‘) ist eine Organisation, die es ermöglicht Jugendlichen aus der Heimat Mesopotamiens mit Jugendlichen aus der Diaspora zu verbinden und sich gegenseitig auszutauschen. Sie dient außerdem dazu die Heimat der Vorfahren zu erkunden, die historischen Stätten zu besichtigen sowie die Kultur kennenzulernen, um die Identität zu stärken. Auch dieses Jahr kamen Delegationen aus den verschiedensten Ecken der Welt zusammen, wie beispielsweise aus Syrien, den USA sowie England. Aus Deutschland war der AJM vertreten. In diesem Rahmen durfte ich aus Deutschland den AJM vertreten.

Hier ein persönlicher Bericht:

Als ich in Erbil landete wusste ich noch nicht, was uns erwarten würde, da man vieles nur aus den Nachrichten kennt und die Gedanken um Sicherheit immer noch im Kopf herumschwirrten. Diese waren schnell verflogen, als uns eine Gruppe Jugendlicher der „Khoyada“ (Chaldo Assyrian Students and Youth Union) mit Heimatflaggen freundlich empfing. Wir fuhren in ihre Niederlassung in Erbil-Ankawa und lernten den Rest der Jugendlichen kennen, die uns zwei Wochen lang begleiten würden. Der Tag ging mit Live-Musik und einem wunderschönen Abend im Assyrian Cultural Club Ankawa zu Ende. In den nächsten Tagen, die wir in Erbil verbracht haben, besichtigten wir nicht nur die historisch wertvolle Festung Erbils, sondern auch die verschiedensten Kirchen der Assyrischen Kirche des Ostens, der Chaldäisch-Katholischen Kirche sowie der Syrisch-Orthodoxen Kirche. Auch lernten wir die Niederlassung der ZOWAA (Assyrian Democratic Movement) in Erbil kennen und informierten uns über die politische Situation im Irak und die Selbstadministrations- und Schutzprojekte für die Nineveh-Ebene. Besonders unterhaltsam war der Besuch beim Radiosender „Radio Ashur“. Mitglieder der GISHRU-Gruppe hatten die Möglichkeit eine Nachricht in ihrer Landessprache an die Zuhörer zu senden. Ich grüßte sie im Namen der Gruppe und des AJM e.V. und versicherte ihnen, dass wir sie in der Diaspora nicht vergessen haben.

Unvergesslich bleibt die Begegnung mit der Frauengruppe „Assyrian Women Union“ in Erbil. Diese Frauengruppe führt einen eigenen Kindergarten und leiten Projekte, die Kinder weiterbilden und beschäftigen und die es Müttern trotz allem ermöglichen ihrer Arbeit nachzugehen. Wir tanzten und sangen gemeinsam mit den Kindern zu Liedern der Organisation „Rinyo“ und beendeten diesen Tag in der Khoyada-Niederlassung.

An den weiteren Tagen in Erbil hatten wir die Möglichkeit das „Syriac Heritage Museum“ in Ankawa zu besichtigen. Es beinhaltet nicht nur die Kleidungstrachten der verschiedenen assyrischen Dörfer, sondern auch kirchliche Manuskripte sowie eine Ausstellung der ersten Zeitungen unseres Volkes in unserer Sprache. Später besuchten wir das Flüchtlingscamp „Shlama“ und bekamen eine Karate-Show von den Kindern vorgeführt. Die Zeit nutzten wir, um mit ihnen Volleyball und Basketball zu spielen. Die uns ermöglichte Sichtweise auf die Flüchtlingswelle berührte mich sehr und stärkte den Drang ihnen mehr Unterstützung zu geben.

Noor Matti gab uns eine Tour im „Babylon Media“ Studio. Ein großer Baukomplex mit der Außenfassade des Ishtartors. Dies ist ohne Zweifel die Erfolgsgeschichte eines assyrischen Unternehmens. Es beinhaltet mehrere Radiostationen, eine eigene Showbühne mit Jurysitzen, wie man es aus den TV-Shows kennt sowie viele andere Abteilungen.

Als wir das Kloster Mar Matti besuchten, welches 35 km von Mossul entfernt liegt, begrüßte uns Raban Yousif freundlich und erzählte uns die Legende des Klosters. Das Kloster selbst hilft Flüchtlingsfamilien und versucht ihnen bei der Suche nach Arbeit zu helfen. Bedrückend war die Stimmung, da die Gefahr vom IS angegriffen schon länger besteht.

Weitere Niederlassungen von Khoyada und ZOWAA wurden in Dereluk und Sarsing besucht sowie die Naturreservate und die Enishkeh Höhle. In Beliganeh besuchten wir einige Gräber von Märtyrern, die durch das Ba’ath Regime 1982 getötet wurden. Wie in den Medien bereits erfahren, gab es ein großes Feuer in der Dehe Region. Herr Gewargis Issac aus Dehe ermöglichte uns dieses Ereignis besser zu verstehen. Was wir sehen konnten, war ein großer Schaden der Agrarwirtschaft, die für die Bewohner sehr wichtig ist.

Ein weiteres Highlight war das Heiligtum der Yeziden – „Lalish“. Da nicht nur wir einen Genozid durch den IS erleiden, sondern auch die Yeziden, spürte ich sofort ein Band der Freundschaft zwischen unseren Völkern. Pünktlich zum Gedenken der Geschehnisse von 2014, bekamen wir eine Führung durch den Tempel und den Kammern von Lalish. Wir lernten sehr viel über das Volk kennen wie zum Beispiel, dass jeder Yezide im heiligen Wasser der Zamzam Quelle getauft wird und man in Lalish barfuß laufen muss. Es ist wichtig Solidarität zu zeigen, da unsere Schicksalsschläge sich über Jahrhunderte hinweg bis heute ähneln.

Die ZOWAA-Niederlassung in Barwar bewirtete uns zwei wundervolle Tage lang. Shamasha Benjamin Tiadores erzählte uns die Geschichten von der Entstehung ZOWAAs in Barwar und der Kämpfer in den Bergen. Wir hatten auch die Möglichkeit das St. Qayoma Kloster zu besuchen, welches sich in einem Bergvorsprung befindet. Noch dazu gab es einen Gottesdienst in der St. Georg Kirche und einem wundervollen Picknick am Wasser in Challek.

Die nächsten zwei Tage verbrachten wir in Nahla. Wir trafen die Jugendlichen der Khoyada-Niederlassung und sprachen mit Herrn Talia Shlimon über die Enteignung des Landes der assyrischen Bewohner und über Ideen für zukünftige Projekte. Hier wurde uns verdeutlicht, dass die Stärke unseres Volkes nicht in den Großstädten liegt, sondern in den Dörfern, wo die assyrische Bevölkerung die Mehrheit ausmacht. Dennoch ist die Infrastruktur ein großes Problem und fördert die Emigration der Urbevölkerung. Abgerundet wurden die zwei Tage mit einem Fußballspiel gegen die Jugendlichen vor Ort und einem Essen in den Flüssen Nahlas.

Wenn ich gerade von Stärke des Volkes spreche: Ganz besonders wurde dies deutlich, als wir Alqosh besuchten. Alqosch ist eine Stadt, die nur von Assyrern bewohnt ist und dies auch beibehalten möchte. Hier verbrachten wir auch mehrere Tage und lernten nicht nur die Jugendlichen und die politischen Organisationen kennen, sondern ganz aktuell die „Nineveh Plain Protection Unit (NPU)“, die nach der Machtübernahme des IS gegründet wurde, um unser Volk und die Dörfer selbst schützen zu können. Im Militärcamp erzählte uns Herr Behman Aboush, wann der IS in die Dörfer kam und wie schnell unser Volk auf diese Krise reagieren musste. Des Weiteren erklärte er uns, wie NPU aufgebaut ist, wie sie unterstützt werden und inwieweit die militärische Ausbildung möglich ist. NPU ist ein Hoffnungsschimmer und wahrscheinlich der erste Schritt in Richtung Selbstverwaltung der Nineveh-Ebene.
Was wir außerdem von dem IS wissen ist, dass sie die großen unersetzbaren archäologischen Fundstücke und Stätte vernichtet haben. Umso größer war die Freude, als wir Khanas besuchten. Ein zwar öffentlicher ungeschützter Platz mit fast kaum erhaltenem kulturellem Erbe unserer Vorfahren. Dennoch ist er aber etwas, was wir nach der Zerstörung Nimruds und weiteren Plätzen sehr schätzten. Die Ruinen, Wandbilder von assyrischen Königen und der Keilschrift sind noch sichtbar. Selbst eine Statue von Lamassu, die schon fast mit der Erde eins geworden ist, lies unsere Herzen höherschlagen – ein Trostpflaster nach all der Zerstörung.

Beendet wurde der Aufenthalt in Alqosh mit der alljährlichen Graduation Party der Nineveh Plain Students, gesponsert von der „Shlama Foundation“. Hier wurden die Studenten mit ihren Abschlüssen gefeiert. Eine besondere Rede wurde von den GISHRU-Mitgliedern aus Syrien geschrieben, um diese Studenten zu ehren.

Weiter ging es nach Nohadra/Dohuk. Neben dem Besuch der Khoyada-Geschäftsstelle, trafen wir auch den Vorsitzenden der „Assyrian Aid Society – Iraq“. Dieser erzählte uns detailliert über die Arbeit von AAS. Sie konzentrieren sich nicht nur auf Flüchtlingsarbeit, sondern ganz speziell auch auf Bildung. AAS versorgt mehr als 50 assyrische Schulen mit Lernmaterial für alle Fächer. Besonders zu betonen ist, das in diesen Schulen Fächer wie Mathe, Biologie und ähnliches auch auf Suryoyo/Surayt gelehrt wird. Natürlich haben sich die Prioritäten durch den IS verändert und AAS verstärkte seitdem die Flüchtlingsarbeit.

Im Assyrian Cultural Center befragten uns verschiedene assyrische Organisationen über die Arbeit von GISHRU und unserer Austauschreise. Wir hatten außerdem die Möglichkeit unsere Jugendverbände vorzustellen und tauschten Ideen für zukünftige Projekte in der Heimat aus.

GISHRU besuchte in der Vergangenheit die Feierlichkeiten des Assyrischen Neujahrfestes. Diesmal fand der Austausch während der Gedenkfeierlichkeiten des Semele Massakers 1933 statt. Am 7. August besuchten wir die Gräber der Märtyrer in Gorekavana, Bakhtmeh und Simele. Beendet wurde der Gedenktag mit einer Theatervorführung von Jugendlichen in Nohadra, die Krieg und Emigration in ihrem Stück thematisierten.

Als Fazit zu diesem Austausch kann ich sagen, dass der Besuch auf Heimatboden nicht nur Freude und Bewunderung mit sich bringt, sondern auch Verantwortung. Diese Verantwortung wird einem deutlich, wenn man in die Gesichter der Jugendlichen sieht. Umso mehr wird einem diese vergegenwärtigt, wenn die Bevölkerung dich anspricht und sagt: „Wir freuen uns, dass du uns besuchst, aber wie kannst du uns helfen?“ Es reicht nicht ihnen zu versichern, dass man sie in der Diaspora sie vergessen hat. Die Bevölkerung, die ausharrt und in ihrer Heimat bleiben möchte, verdient auch Chancen auf eine gute Zukunft IN DER HEIMAT. Es fragt sich, wie lange sie noch dort bleiben, bis wir niemanden mehr haben, den wir besuchen können.

Bericht: Jessy L.

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